Silvesterwahnsinn

Silvesterwahnsinn

Der Qualm hat sich verzogen und das Jahr ist bereits einige Stunden alt. Wie ich zum Jahreswechsel so auf meinem Balkon stand, wurde mir wieder einmal der Wahnsinn bewusst, der in jedem Jahr genau an diesem Tage stattfindet. Das Geböller beginnt von Jahr zu Jahr aber gefühlt früher und hält auch noch einige Tage nach dem Jahreswechsel vereinzelt an. Natürlich ist Feuerwerk wunderschön anzusehen, aber wie ich so auf meinem Balkon stand, wusste ich nicht so recht, wo ich hinsehen soll. Zu umfangreich waren die parallel startenden Raketen, Batterien und was nicht sonst noch alles so gezündet wird. Der gesamte Block war vollkommen verqualmt, illuminiert und vermutlich stärker beschallt, als bei einem Rockkonzert. Davon irritiert waren auch die Fledermäuse, die aufgescheucht hin und herflogen und mehrfach erst kurz vor meinem Balkon abdrehten. Ich will gar nicht daran denken, was alles hätte passieren können, denn ich durfte einige Raketen beobachten, die waagerecht von einem Balkon abgeschossen wurden oder von oben einen Bogen in Richtung Erde und Autos flogen. Nicht zuletzt gab es auch zahlreiche Raketen, die geradewegs auf die Hauswand zuschossen.

Raketenstöcke in der Wiese

All die Schönheit der einzelnen Raketen und Feuerwerkskörper verflog ob des Übermaßes an Lichtereignissen und dem zu sorglosen Umgang mit den durchaus gefährlichen. Ich selbst habe auch immer und gerne an Silvester diverse Feuerwerkskörper gezündet. Dennoch bin ich nie dem ganz großen Wahn verfallen. Dafür waren mir all die Knallkörper dann doch zu teuer, um mein Geld im wahrsten Sinne des Wortes zu verbrennen. Ich will auch nicht sagen, dass ab sofort gar nichts mehr abgefeuert werden soll, denn hinter den Traditionen steckt ja nicht nur Kommerz – wenn auch mittlerweile sehr viel. Dennoch finde ich die Ausmaße unglaublich und sie verdeutlichen auf eine Weise unsere Überflussgesellschaft. Wenn ich dann noch daran denke, wie viele Böllerschläge ich über das gesamte Jahr verteilt höre und wie oft hier und da immer wieder einzelne Raketen oder ganze Feuerwerke gezündet werden, stellt sich mir die Frage, worin der besondere Reiz am Knallen zu Silvester heute noch liegt.

Diese Batterie schwelt noch am Vormittag

Das Knallen selbst finde ich noch nicht einmal das Schlimmste – wie gesagt, ich finde das darf sein und hat durchaus seine Daseinsberechtigung. Wirklich erschreckend ist die Menge an Abfall, die bei all dem Trubel produziert wird. Mein Spaziergang am Neujahrstag hinterließ ein Bild der Vermüllung auf der Netzhaut. Überall steckten in den Wiesen heruntergekommene Raketenstiele oder aber die Stiele lagen mit ausgebranntem Kopf auf den Wegen verteilt. Leider lagen die Reste der Knallkörper keines Falls nur auf den Wegen. Auch die Wiesen und Gebüsche waren gespickt mit leeren Batterien und dergleichen. Auf einer Wiese qualmte eine Batterie noch immer vor sich hin und war zum schon zu Asche abgebrannt. Das ist nicht nur unschön anzusehen, sondern auch nicht ganz ungefährlich. Neben den Knallkörperresten lagen überall die leeren Umverpackungen herum – vorzugsweise aus Kunststoff – und auch leere, große und stabile Kunststofftragetaschen, wie sie die meisten Einzelhandelsketten heutzutage anbieten, lagen achtlos auf den Wiesen. Nur sehr vereinzelt konnte ich sehen, dass sich einige Menschen offensichtlich die Mühe gemacht haben, ihren Unrat zumindest zu einem Haufen zusammenzuschieben. Ich bin leider zuversichtlich, dass Teile von all diesem Müll wohl nie eingesammelt werden und sich Stück für Stück den Weg in das Ökosystem bahnen.

Verpackungen und Müll wohin das Auge sehen kann

Bei diesem Gedanken muss ich an das Silvester 2016/2017 zurückdenken, als wir pünktlich zum Jahreswechsel am Strand unweit von Warnemünde unsere Feuerwerkskörper in die Freiheit entließen. Ich muss zugeben, dass es ein schönes Bild ist, die Lichter der Raketen über dem Meer zu sehen, aber das war es dann auch schon. Klar, wir haben unsere Umverpackungen damals in die örtlichen Mülltonnen entsorgt, aber ich erinnere mich nicht, dass wir die explodierten Knallkörper wieder eingesammelt haben – das wäre bei der Dunkelheit auch schwierig gewesen. Definitiv sind wir auch nicht nach den Stöcken und sonstigen Resten der Raketen getaucht, um sie wieder aus der Ostsee zu fischen und genau bei diesem Gedanken wird mir echt unwohl. Unsere Meere sind ohnehin schon zu stark durch Plastik und das daraus entstehende Mikroplastik belastet und nun schießen wir auch noch Raketen über das Meer und zünden unsere Böller am Strand und wir waren ja wahrlich nicht die Einzigen. Folglich wird es für mich kein Silvester am Strand mehr geben, bei dem ich dort auch noch Feuerwerkskörper zünde, so schön die Impressionen auch sein mögen. Ob und wie viel ich überhaupt noch in die Luft schicke, wird sich zeigen. Für heute jedoch weiß ich zunächst, dass es in keinem Fall mehr sein wird als früher.

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